Südafrika

RECYCLING VON GANZ UNTEN

Die Deponierung von Abfällen soll in Südafrika bald ein Ende finden. Bis Mitte des nächsten Jahrzehnts will die südafrikanische Politik erreichen, dass man große Teile der Abfälle recycelt und energetisch nutzt. Angesichts der Gegenwart kaum zu glauben, doch überall im Land gibt es Initiativen im Abfallsegment, die auf eigene Faust neue Wege gehen: Im Recycling, in der Nutzung von Biogas und einer Kreislaufwirtschaft im Kleinen.Circular

Economy-Projekt Glo

Donald heißt das Schwein. Alt und fett steht es unter freiem Himmel, eingezäunt im Pferch. Es grunzt und frisst – mehr nicht. Seine Halter Darron und Lindsey Nicholson gewähren ihrem Eber einen sorglosen Lebensabend. Zukünftig will das Pärchen auch die Scheiße von Donald verwerten: Sie kommt in ihre neue Mini-Biogasanlage, die gerade neben ihrem Haus inmitten der kleinen, nur ein paar Hektar großen Farm in Scarborough, einem südlichen Vorort von Kapstadt, gebaut wird.

„I had a dream to make my own biogas“, freut sich Darron über das künftig eigens erzeugte Biogas. Damit kommt ein weiterer Baustein zu ihrem Circular-Economy-Projektes Glo – was in Afrikaans so viel heißt wie „Glaube“ – hinzu. Es ist ein Netzwerk von Waste-Pickern, die organische Abfälle von Restaurants und Kantinen zusammentragen, um diese entweder als Futter für Tiere, als Samenbank für den privaten Gemüseanbau oder als Biomasse für Biogas und Komposte zu verwerten. Während Lindsey in den USA groß wurde, wuchs Darron in einem Township in Kapstadt auf, lebte als Kind in einer Blechhütte in armen Verhältnissen. Müll zu sammeln, Verwertbares selbst zu nutzen und das Wertvollere daraus zu verkaufen, damit ist er groß geworden. Darron weiß aus eigener Erfahrung sehr genau um die großen Defizite im Alltagsleben der Menschen in den Townships. Genau deswegen ist er umso motivierter, diese mit dem Projekt Glo, mit zirkularem Handeln, überwinden zu helfen.

Die Verwaltung von Kapstadt unterstützt das junge Pärchen bei ihrem Grasroot-Projekt. Nicht zuletzt deshalb, weil sie einfach weiß, dass man damit zwar nicht die Welt rettet, aber in vulnerablen sozialen Umständen wichtige positive Impulse – gerade auch für junge Leute – setzt. Ganz abgesehen praktizieren die Nicholsons als südafrikanische Pioniere der Circular Economy das, was schon in wenigen Jahren in der Metropole am Kap der Guten Hoffnung und letztlich in ganz Südafrika gesetzlich festgeschrieben sein wird: So soll die Deponierung von (Haushalts)Abfällen, so zumindest das politische Postulat, schrittweise bis Mitte der 30er Jahre enden. Dabei wäre gerade die organische Fraktion, deren Anteil, so Experten, am südafrikanischen Hausmüll rund 30 bis 40 Prozent beträgt, eine echte Chance für mehr Wertschöpfung vor Ort.

Ortswechsel: Marie-Louise Landfill bei Johannesburg

Doch noch wandert die Organik größtenteils auf die Deponien. Wie auf der Marie-Louise Landfill westlich von Johannesburg, nicht weit entfernt vom Orlando Stadium, in dem das Eröffnungskonzert der Fußballweltmeisterschaft 2010 mit Shakira stattfand. Wer die Serpentinen zum Plateau des stinkenden Deponiehaufens hinauffährt, der muss ständig Müllfahrzeugen ausweichen. Ein nicht versiegender Fluss quält sich nach oben, steht dort mit Fracht in der Warteschleife. Vier, fünf Wagen stehen parallel nebeneinander und entleeren ihre Fracht: Papier, Bananen, Batterien, Metalle, Baustoffe, Gläser, Waschbecken, Undefinierbares, dann wieder Plastikteile, Rohre, Kabel, Lampen, Teppiche, Kaffeesatz, Mangokerne, Matsch, allerlei Elektronik. Unglaublich, aber wahr.

In der Ferne zeichnet sich die Silhouette der Wolkenkratzer von Johannesburg ab, die über neun Millionen Einwohner zählt. Fahrer von Radladern schieben den abgeladenen Abfall unaufhörlich zum Rand der Kippe. Darüber fliegen unzählige Störche hinweg, landen mit ihren staksigen Beinchen im Müll. Sie klappern, schütteln ihre Flügel, picken Fressbares auf, spazieren aufmerksam umher – immer auf der Suche nach Fressbaren. Eine unglaubliche Storchendichte, die der traurigen Szenerie eine trostlose apokalyptische Ästhetik verleiht. Dazwischen, im aufsteigenden Gestank, lesen die emsigen Waste-Picker, etwa 200, vermummt, mit Overalls und Handschuhen bewehrt, die recyclebaren, verwertbaren Fraktionen heraus: Glas, PET-Flaschen, Pappen, Bauschutt, Aluminiumteile, Kabel, PVC und andere Plastiksorten. Wenn ihre umgehängten Tragetaschen und Säcke voll sind, dann entleeren sie diese in Bigbags, die im hinteren Bereich für die Abholung bereitstehen.

Das Geschehen auf der Deponie ist knallharte Realität einer südafrikanischen Gesellschaft, dessen Wirtschaft seit dem Ende der Apartheid mächtig gewachsen ist. Viele leben im relativen Wohlstand, aber sehr viele sind sehr arm (geblieben). Die sozialen Gegensätze können kaum krasser sein: auf der einen Seite Siedlungen mit endlos aneinandergereihten Wellblechhüten, auf der anderen Seite große Anwesen komplett umzäunt und streng bewacht. Unabhängig dieses gesellschaftlichen Ungleichgewichts ist die Abfallmenge in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen. Und die Deponien vor allem rund um die Metropolen in die Höhe gewachsen und oftmals an den Rand ihrer Kapazitäten geraten. Womit auch die Probleme enorm zunehmen: Wilde Verbrennung, Luftverschmutzung, Gewässergefährdung, zudem entweichen in großen Dimensionen klimaschädigende Gase.

Kein Zweifel, es besteht Handlungsbedarf. Wenngleich der gesetzliche Ausstiegsrahmen steht, stockt es doch – trotz aller hochtrabenden Versprechungen hin zu einer Circular Economy – bei der Umsetzung, nicht zuletzt weil viele Kommunen mit chronisch knappen Kassen operieren müssen. Und da die öffentliche Hand deshalb nicht in die Offensive gehen kann und eher zaudert, nehmen informelle Entrepreneure das Blatt selbst in die Hand. Wie Sifiso Gumbi, Chef der Urban Surfer. „Ich kann diese Lippenbekenntnisse zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz nicht mehr hören“, schimpft er auf dem Weg raus aus dem Zentrum, vorbei an auffällig vielen „Free Palastine!“-Parolen, die an Mauern, Häusern und Bushaltestellen zu sehen sind, zur Marie-Louise Landfill, deren Anfänge bis in das Jahr 1930 zurückgehen. „In Johannesburg fallen jedes Jahr rund zwei Millionen Tonnen Müll an, davon wird schon heute rund zehn Prozent recycelt.

Und zwar von unseren Waste-Pickern, die wir mit unserer Organisation Urban Surfer in Sachen Arbeitsschutz, Gesundheitsfragen, Öffentlichkeitsarbeit und Rechtsbeihilfe unterstützen. Die Müllsammler arbeiten nicht im Auftrag öffentlicher Stellen, sondern haben sich informell von unten organisiert und werden inzwischen wohlwollend geduldet, weil sie einen Teil des offiziell-kommunalen Problems schon jetzt auf ihre Weise lösen“, erklärt Gumbi. Auf der Deponie kennt man den jungen Mann, der schneller spricht als die Störche auf der Kippe überhaupt klappern können. Er kennt die aktuellen Preise für die Abfälle: Ein Kilogramm weißes Papier bringt umgerechnet fünf Eurocent, ein Kilogramm Verpackungspappe nicht mehr als 4,5 Eurocent und für einen halbwegs heilen Backstein zahlen die Wiederverwerter ganze 2,5 Eurocent. Und für eine Tonne Glas gibt es 600 Südafrikanische Rand – etwas über 30 Euro. Nur die organische Fraktion, obschon die größte von allen, erzielt überhaupt keinen Preis, bleibt getrost liegen.

Hingegen werden die emsig sortierten Fraktionen in den bis oben hin gefüllten Bigbags – just in time – abgeholt. Nur ein paar Fahrminuten von der Deponie entfernt befindet sich beispielsweise eine Plastik-Weiterarbeitungsfirma. Sie nimmt unteren anderem Getränkekisten aus Plastik entgegen. 5 Rand – rund 25 Eurocent – bekommen die Waste-Picker für ein Kilogramm ausgezahlt. Auf dem Werksgelände stapeln sich an diesem Tag beispielsweise rote Kisten vom Bierproduzenten Heineken. Ein Anhänger nach dem anderen fährt mit neuen roten Kisten vor das offene Tor vor, in dem der Schredder das Material zerhackt. Mehrere Mitarbeiter werfen die Bierkisten in den Zerkleinerer. Es kracht und knackt und manchmal fliegt auch ein rotes Teilchen durch die Luft.

„Nein, wir sind nicht die Aufsichtbehörde, wir sind Journalisten aus Deutschland und interessieren uns für die Recyclingwirtschaft in Südafrika“, erkläre ich. Der Eigentümer Khaya Dennis ist beruhigt. Er verrät, dass seine Firma rund 80 Tonnen Plastik pro Woche verarbeitet und in verschiedenen Fraktionen separiert an die Industrie weiterverkauft. Für eine Tonne Plastik-Granulat erhält er aktuell 10.000 Rand, umgerechnet rund 530 Eur. Gar nicht schlecht, wie er bekennt.

Zukunftsmarkt durch Circular Economy?

Während nun die Waste-Picker auf den Deponien weiter fraktionieren und mit ihrer Arbeit versuchen, über die Runden zu kommen, ist gleichzeitig zu hoffen, dass das näherkommende Ende der Deponierung innovative Bewegung in die südafrikanische Abfallwirtschaft bringt. Jenny Tala, Chefin des Südafrika-Büros der Germany Trade & Invest (GTAI) in Johannesburg meint sogar, dass „Südafrikas Abfallwirtschaft an einem Wendepunkt“ sei. Sie geht davon aus, dass die südafrikanische Abfallwirtschaft dynamisch wachsen werde. Tala stützt ihre Einschätzung auf eine Untersuchung des Marktforschungsinstituts IMARC, das den südafrikanischen Abfallwirtschaftsmarkt im Jahr 2024 auf rund 9,5 Milliarden US Dollar beziffert: In diese Zahl sind sämtliche Aktivitäten der Sammlung, Behandlung, des Recyclings und der Entsorgung enthalten. Das IMARC erwartet, dass der Markt bis 2033 auf fast 15 Milliarden Dollar anwachsen wird, und zwar mit einer jährlichen Wachstumsrate von 4,6 Prozent bis 2033. Dabei bestätigt das IMARC die Beobachtung, dass der private Sektor an Bedeutung zunehme, weil die städtischen Dienstleister einfach oft überfordert sind. Besonders zu erkennen ist dies in der Vergärung von Bioabfällen, die aus der Lebensmittelindustrie (Brauereien, Saftproduktion, Getreidemühlen) stammen.

Es gibt zwar bereits große Biogasanlagen wie die Cape Town Biogas in Kapstadt oder die in Bronkhorstspruit, deren grüner Strom komplett an das BMW-Werk in Rosslyn verkauft wird, wo hauptsächlich der BWM X3 vom Band läuft. Und gerade weil das staatliche Stromnetz in Südafrika in keinem guten Zustand ist, könnten Private Purchase Agreements (PPA) für die Bioenergieerzeuger neue interessante Geschäftsmodelle bieten. Tala identifiziert aber nicht nur für den Biogas- und Kompostierungsbereich in den nächsten Jahren einen Bedarf an ausgereiften Technologien, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Sammlung und Sortierung über Recyclingtechnologien bis hin zu zirkulären Geschäftsmodellen. Mag sein, aber das allesentscheidende bei der Transformation der südafrikanischen Abfallwirtschaft hin zu einer tatsächlichen Circular Economy wird es sein, die Waste-Picker, von denen es Zehntausende gibt, in diesen Transformationsprozess nachhaltig einzubinden. Denn nur so lassen sich die historisch bedingten krassen sozialen Gegensätze überwinden. Lindsey und Darren Nicholson sowie Sibiso Gumbi arbeiten schon jetzt daran. Sie sind an der Basis und zeigen im Kleinen wie es im Großen zukünftig besser gelingen könnte.

AUTOR: DIERK JENSEN, Juni 2026

 

Fotos: Jörg Böthling